Die Kirchen kämpfen in Deutschland mit stark rückläufigen Mitgliederzahlen. Entsprechend werden überall im Land Gemeinden fusioniert. Meist wird dies vom jeweiligen Kirchenkreis entschieden, selten mit direkter Mitsprache der betreffenden Kirchengemeinden. So war es auch bei uns im Kiez, im schönen Nord-Neukölln. 

Zum 1. Januar 2026 wurden dort die Gemeinden Nikodemus und Martin Luther-Genezareth fusioniert und bilden nun gemeinsam die Evangelische Kirchengemeinde Nord Neukölln. Dies ist bereits die zweite zwangsweise Gemeindezusammenlegung, nachdem vor sechs Jahren Martin Luther und Genezareth fusionieren mussten. Da diese Vereinigung damals nicht reibungslos verlief, sollte dieses Mal ein externer Akteur dabei behilflich sein. 

Und hier kommen wir ins Spiel: Wir haben den Fusionsprozess beratend begleitet und die anstehende Klausurtagung der dann bereits fusionierten Gemeinden moderiert. Ein besonders spannender Auftrag für uns – nicht zuletzt, weil wir selten direkt um die Ecke tätig werden. 

Der Prozess bestand aus drei Teilen: Zunächst führten wir insgesamt sechs ausführliche Vorgespräche mit ausgewählten Mitgliedern beider Gemeinden sowie mit den hauptamtlichen Mitarbeitenden der Gemeinden. Nachdem wir uns dem Team der Hauptamtlichen und dem Gemeindekirchenrat vorgestellt hatten, kam schließlich die Moderation der zweitägigen Klausurtagung. Dort sollten die Teilnehmenden die Basis für eine zukünftige Zusammenarbeit in der nun fusionierten Gemeinde erarbeiten. 

Was auf den ersten Blick nach einem gewöhnlichen Job der Moderationstätigkeit klingen mag, war tatsächlich eine sehr herausfordernde, anspruchsvolle und zugleich hochspannende Aufgabe. Das lag an unterschiedlichen Faktoren, die in anderen sozialen Kontexten genauso auftreten können, wenn ein großer und ein kleinerer Akteur zur Zusammenlegung gezwungen werden: Der kleinere Akteur hat Angst, alles aufgeben zu müssen, was er über die Jahre liebgewonnen hat, und befürchtet, einfach geschluckt zu werden. Dabei geht es auch darum, vom größeren Akteur nicht ausreichend „gesehen“ und „gehört“ zu werden. Das verstärkt das Gefühl von Trauer und Schmerz – und bei einigen auch das von Wut. Der größere Akteur wiederum ist der Meinung, dass der kleinere gerne mitmachen kann, sieht aber keine Veranlassung, das eigene Auftreten und Angebot zu ändern – denn es läuft ja.

Die Situation wird noch komplexer dadurch, dass der Kirchenkreis in den Räumen der ehemaligen Kirchengemeinde Nikodemus einen sogenannten „Dritten Ort“ ins Leben gerufen hat. Damit soll Kirche neu gedacht und jenseits des klassischen Gemeindelebens neue Zielgruppen in den Kiezen angesprochen werden. Die Mitarbeitenden dieses „Dritten Orts“ sind jedoch vom Kirchenkreis eingesetzt und haben nur begrenzt Lust und Zeit, sich mit den ehemaligen Gemeindemitgliedern und ihren Wünschen zu befassen. 

Dazu kommt, dass sich zahlreiche Akteure aus den beiden Gemeinden schon seit vielen Jahren kennen. Ein erster Fusionsversuch der beiden Gemeinden scheiterte vor über zehn Jahren, weil man sich nicht einigen konnte. Es gibt also eine längere, nicht ganz einfache gemeinsame Geschichte. 

In dieser Gemengelage ist es nicht offensichtlich, geräuschlos zusammenzuwachsen und eine gemeinsame Zukunft zu erdenken – das ist aus Fusionen in der freien Wirtschaft, aber auch in der Verwaltung bekannt. 

Umso spannender ist es, diesen Prozess zu begleiten. Wir sind dankbar für diese Erfahrung und hoffen, dass wir unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten konnten, einige Hürden auf dem Weg zu einem Gemeinschaftsgefühl in der nun fusionierten Gemeinde Nord-Neukölln aus dem Weg zu räumen und den Grundstein für eine gemeinsame Zukunft zu legen. 

Zumindest zeigten sich bei der Klausurtagung auch meinungsstarke Persönlichkeiten, die in der Vergangenheit durchaus schon einmal aneinandergeraten waren, bereit, sich auf eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation und einen offenen Dialog zur Gestaltung der gemeinsamen Gemeindezukunft einzulassen. Oder wie die Vorsitzende des Gemeindekirchenrats es ausdrückte: „Besonders freue ich mich über die wahrnehmbare Veränderung in der Haltung mancher Beteiligten.“ 

Entsprechend war zum Ende der Tagung viel positive Energie zu spüren, um die Dinge anzugehen und sich auf den gemeinsamen Weg zu begeben. Es wird noch die eine oder andere Hürde zu überwinden geben, aber der Anfang ist gemacht. Und so können wir guten Gewissens sagen: „Auftrag erfüllt!“

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