Wenn wir im Klassenzimmer danach fragen, was Demokratie ausmacht, hören wir in der Regel: „Wahlen, Parteien, und vor allem: die Mehrheit entscheidet!“ Für viele Schüler*innen hat das auf den ersten Blick wenig mit dem eigenen Alltag zu tun. Demokratie klingt für viele nach: Bundestag, Wahlplakaten, Talkshows und Politiker*innen, nicht nach Schule, Social Media oder Familie. Damit wird Demokratie schnell zu etwas, das Erwachsene „da oben“ organisieren –  und nichts, das mit den eigenen Erfahrungen, Konflikten und Handlungsmöglichkeiten zu tun hat.

Gleichzeitig ist trotzdem allen im Raum klar: Ein Bekenntnis zu Demokratie ist nicht nur im Klassenzimmer sozial und pädagogisch erwünscht. So manch eine*n verleitet diese unausgesprochene Erwartungshaltung im Klassenzimmer auch zu demonstrativer Ablehnung, als Provokation gegen das, was ohnehin als „richtig“ gilt. 

Doch auch wenn sich kein Widerstand regt, bleibt das Problem: Wenn Demokratie vor allem als abstraktes Ideal erscheint, bleibt oft unklar, was sie im Alltag bedeutet, und was mit ihr konkret auf dem Spiel steht. Und das wiegt umso schwerer, wenn antidemokratische Kräfte an Einfluss gewinnen, Normalität beanspruchen und digitale Räume Empörung belohnen. 

Das haben wir zum Anlass genommen, einen neuen modularen Workshop zu entwickeln, der Demokratie im Alltag in den Fokus rückt und erfahrbar macht, wie sie sich anfühlt, wenn wir gemeinsam entscheiden, Kompromisse suchen und auch mal verzichten (müssen). Denn wir sind überzeugt, dass wir genau dort am meisten über Demokratie lernen, wo gemeinsame Entscheidungsprozesse bewusst erlebt, Unterschiede sichtbar und Konflikte verhandelt werden. 

Mit dem Europäischen Hansemuseum Lübeck hatten wir dafür einen idealen Partner: Für das Museum haben wir bereits mehrere spannende Formate entwickelt. In diesem Fall sollte es ein Workshop sein, der als ganztägige Veranstaltung oder in kürzeren Blöcken à 90 Minuten in den Räumen des Museums von Museumspädagog*innen angeleitet wird. Eine spannende und nicht ganz einfache Aufgabe! Denn Demokratie als gelebte Praxis in einer Schulklasse erfahrbar zu machen, birgt auch Konflikt- und Frustpotenzial und braucht vor allem Zeit für Reflexion! 

In einer Einstiegsphase nähern wir uns dem Begriff Demokratie aus verschiedenen Richtungen: als Staatsform, als Art gesellschaftlichen Zusammenlebens und als Haltung im Alltag. In einem Modul zu demokratischen Entscheidungsformen vergleichen die Teilnehmenden anschließend unterschiedliche Wege, wie Gruppen zu Entscheidungen kommen können. Dabei wird deutlich: Demokratie ist nicht einfach: „Alle stimmen ab“. Es geht auch darum, wer gehört wird, nach welchen Kriterien entschieden wird und wer von den Entscheidungen betroffen ist. Während des Testlaufs an einer Berliner Schule wurde schon hier deutlich: Was die Schüler*innen als demokratischste Option auf dem Papier eingeschätzt haben, war nicht zwingend ihr Favorit oder gar die gerechteste Möglichkeit, um zu einer Entscheidung zu gelangen.

Im zweiten Modul bedient sich der Workshop an zentralen Gedanken des Betzavta-Ansatzes. Betzavta bedeutet „Miteinander“ und wurde am Adam Institute for Democracy and Peace in Jerusalem entwickelt. Der Ansatz versteht Demokratiebildung vorrangig als Erfahrungslernen: Dafür wird ein Raum geschaffen, in dem Teilnehmende gesellschaftliche und institutionelle Machtverhältnisse, Werte und Entscheidungsprozesse gemeinsam reflektieren. 

Ziel des Ansatzes ist es unter anderem, abstrakt erscheinende Konflikte zwischen demokratischen Prinzipien in spürbare Dilemmata zu verwandeln. Der Ansatz arbeitet deshalb bewusst mit Situationen, in denen verschiedene Interessen, Bedürfnisse und Werte aufeinandertreffen. Dabei ist nicht der Konflikt das Problem, entscheidend ist vielmehr, wie er bearbeitet wird, und dass möglichst viele Perspektiven dabei wahrgenommen und einbezogen werden. In unserem Workshop steht dabei das Spannungsfeld von Mehrheit und Minderheit im Fokus. In einem interaktiven Aufstellungsspiel erleben die Teilnehmenden, wie demokratische Abstimmungen Minderheiten benachteiligen können. Die Übung macht sichtbar, dass Mehrheitsentscheidungen ein zentrales demokratisches Prinzip sind, aber nicht automatisch vor Diskriminierung und Ausgrenzung schützen. 

Auch im dritten Modul geht es darum, Demokratie nicht konfliktfrei zu denken. Im Gegenteil: In einem Positionierungsspiel diskutieren die Teilnehmenden ihre Haltung zu kontroversen Themen. Dabei helfen ihnen die Begriffe Respekt, Toleranz, Akzeptanz und Widerspruch ihre Meinung möglichst präzise auf den Punkt zu bringen. Der Workshop endet damit, dass sie eigene Reaktionen auf Aussagen formulieren, denen sie widersprechen möchten und lässt damit auch Raum für Widerrede und Kritik.

Nach dem Testlauf und einer Schulung für die Mitarbeitenden des Museums sind wir gespannt, wie der Workshop im Museum anläuft und freuen wir uns auf die weiteren Durchführungen an und mit Schulen. 

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